Zeugnisse von Leben und Glauben
Ausstellung im Doberaner Münster über Abriebe von Grabplatten


Grabsteine verschiedener Formen sind seit der Antike bekannt. Bis heute immer wieder ein Anziehungspunkt, werden die mehr als zweitausend Jahre alten Gräberstraßen in Rom (Via Appia), in Pompeji oder Athen von Menschen aus aller Welt besucht. („Grabsteine“ außergewöhnlicher Art sind natürlich die bedeutend älteren Pyramiden.) Die Christen übernahmen die römische Sitte des Totengedenkens, und später entwickelte sich aus der Verehrung und Aufbewahrung von Reliquien in Kirchen der Brauch, die hohe Geistlichkeit aus den Klöstern, den Landesherren oder den Hochadel in der Kirche zu bestatten, häufig verbunden mit einer entsprechenden Dotation. Diese Sitte fand ihre Fortführung in der Beisetzung verdienter Bürger im Kirchenschiff. Viele solcher wertvollen Zeugnisse einer Gedächtniskultur aus dem Mittelalter sind in zahlreichen Gotteshäusern in Mecklenburg-Vorpommern zu entdecken und zu enträtseln. Eine außergewöhnliche Vielfalt dieser Grabplatten sind im Münster zu Doberan aufbewahrt, in jener hochgotischen Kirche, die zu Recht als „Perle der norddeutschen Backsteingotik“ bezeichnet wird und nun - neben dem Schweriner Schloss - einen Platz auf der Vorschlagsliste des Landes für die Aufnahme in das Weltkulturerbe erhielt. In dieser Kirche sind bis Ende September in einer einzigartigen Exposition zwei Dutzend Abriebe von metallenen Grabplatten (Messing), vorwiegend aus dem norddeutschen Raum und aus England zu sehen, die von dem Hamburger Künstler Reinhard Lamb stammen. Er selbst hat diese Kunst in England kennen gelernt und praktiziert, die heute in vielen britischen Kirchen als so genanntes „brass rubbing“ zu einem beliebten Zeitvertreib für jung und alt geworden und so manch einem Touristen ein sehr schönes Mitbringsel beschert Ursprünglich wurden derartige Abriebe zu wissenschaftlichen Zwecken und zur Dokumentation von wertvollen Grabplatten vorgenommen. „Seit 40 Jahren bereibe ich selbst mittelalterliche Platten, vor allem die Flachbildnisse ohne Relief“, sagte Lamb und berichtete anschaulich, wie er mit Papier und farblich unterschiedlichen Wachsstiften, oft nach mehreren Tagen Arbeit, so ein mittelalterliches Kunstwerk in all seinen Facetten lebendig werden lässt. Von diesen Metallplatten lassen sich ganze Lebensgeschichten ablesen und ableiten; ebenso kann der Betrachter etwas über die Glaubens- und Vorstellungswelt der Verstorbenen erfahren und seine Kenntnisse über Heraldik und Mode erweitern, sich mit alten Stilelementen und Spruchweisheiten beschäftigen. Reinhard Lamb gelingt es, mit den farbigen Abrieben den Grabplatten eine hohe Ausdruckskraft und Individualität, eine unmittelbare und anschauliche Lebendigkeit zu vermitteln. Noch nach vielen Jahrhunderten legen solche Steine Zeugnis ab von Leben und Glauben unserer Vorfahren, und neben den 24 Abrieben, die wie große Fahnen in den Seitenschiffen des Westteils des Münsters hängen, gibt es gleichwohl in der Kirche selbst 25 spätmittelalterliche Originalplatten (14./15. Jahrhundert) aus gotländischem Kalkstein. Sie halten das Andenken wach an geistliche Würdenträger und weltliche Stifter des Doberaner Zisterzienserklosters , das für die Kirchen-, Wirtschafts- und Kulturgeschichte im Ostseeraum von überragender Bedeutung war. Deshalb erfolgte von 2003 bis 2008 die dringend notwendige Restaurierung dieser gefährdeten Kalksteinplatten. Als unter Leitung von Ludwig Möckel Ende des 19. Jahrhunderts die Platten aus dem Erdreich im Kircheninneren aufgenommen und in die Wände des Münsters eingesetzt wurden, begann ein chemischer Prozess, von dem damals niemand etwas ahnte. Es kam durch die hohe Feuchtigkeit in den Wänden zu so genannten Salzausblühungen der Grabsteine, die starke Schädigungen nach sich zogen. Das konnte alles behoben werden, und heute präsentieren sich die zwei Dutzend sorgfältig gereinigter und restaurierter Grabmale mit einer neuen Befestigungstechnik an den Wänden in ihrer ganzen Pracht. Besonders beachtenswert die Platte für die 1464 gestorbene Herzogin Anna von Mecklenburg. Zu den Abrieben und den Originalen werden im Juli, August und September drei Spezial-Vorträge gehalten, die sich unter anderem mit der Bestattungskultur und Totenmemoria im christlichen Mittelalter befassen.
Peter Gerds

 P.G.

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