Prof. Dr. Skerl: Über Gotik und Expressionismus

Überaus großes Interesse für den Vortrag Bad Doberan. Als im vergangenen Sommer eine Reisegruppe des Doberaner Klostervereins die gotische Kirche im dänischen Lögumkloster besuchte und auf der Rückfahrt einen Abstecher zum Emil-Nolde-Museum in Seebüll/Schleswig machte, entstand die Idee zu einem Vortrag über Gotik und Expressionismus. Dazu erklärte sich der Kunsthistoriker Prof. Dr. Joachim Skerl aus Bad Doberan bereit, und nun Anfang des Jahres 2012 löste er sein Versprechen ein und eröffnete die Vortragsreihe des Klostervereins.

Die Aula des Gymnasiums Friderico Francisceum war fast bis auf den letzten Platz gefüllt, und seinem Bildvortrag stellte Skerl folgenden Satz voran: „Die Gotik war die letzte Periode in der europäischen Kunst, in der der Wille zur Form und die Intensität der Aussagekraft vor der oberflächlichen Perfektion künstlerischer Mittel stand. In der Betonung der Ausdruckskraft wurde sie zum Vorbild für die Expressionisten.“ Zuerst zeigte Prof. Skerl einige Arbeiten der expressionistischen Maler und Architekten wie Lyonel Feininger, Hans Scharoun und Bruno Taut, die in ihren Darstellungen von Kirchen sich stark an gotischen Vorbildern orientierten, und einige Schrifttafeln von Künstlern aus der bekannten Dresdner Vereinigung „Die Brücke“ lehnten sich eng an die Form der gotischen Schriftbilder in religiösen Werken an.

Eingangs machte der Kunsthistoriker mit dem spätgotischen „Isenheimer Altar“ von Mathias Grünewald ( etwa 1470 bis 1528) bekannt, der heute im Museum von Colmar/Elsaß´zu sehen ist – ein Werk in expressiv leuchtender Farbigkeit und bei dem der Maler auf Schönheit und Ebenmaß der menschlichen Gestalt verzichtet, um die religiöse Ausdrucksgewalt zu steigern. Da sind die sich ähnelnden Ansätze in der Grundauffassung von Grünewald und Nolde nachvollziehbar. Letzterer unterstrich seine Auffassung so: Nicht mehr die Form ist bestimmend und dominierend; die Farbe als eigenständiger Wert ersetzt die Form.

Skerl verglich dann Grünewalds Altarbild mit dem neunteiligen großformatigen Werk Noldes „Das Leben Christi“ aus den Jahren 1911/12, verwies dabei vor allem auf die Figurenanordnung. Kenntnisreich und überzeugend analysierte Skerl die einzelnen Tafeln und beschäftigte sich ausführlicher mit den „Religiösen Bildern“ Noldes, die im wesentlichen eine einfühlsame Umsetzung der entsprechenden Bibeltexte darstellen wie etwa der Fund des Schilfbootes mit Moses auf dem Nil, der Tanz ums goldene Kalb, die Apostelköpfe, Christus und die Kinder, Christus in Bethanien oder die Grablegung Christi (1915) – letztere nach Skerl, die Kulmination der religiösen Thematik dieses außergewöhnlichen Künstlers. Der Leib Christi ist geborgen im Schoß der Mutter Maria. Die Beine trägt ein weißhaariger Apostel, schmerzvoll sein Blick; dahinter Maria Magdalena, gleichwohl in tiefster Trauer, deren leuchtend rote Haare die Farbe des Blutes Christi wieder aufnehmen. - Zutiefst bewegend und berührend.. Nolde, 1956 in Seebüll gestorben, malte 84jährig sein letztes religiöses Bild „Jesus und die Schriftgelehrten“.

 P.G.

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