…Fortführung des Einführungsreferates von Dr. habil. Ralf Lützelschwab aus Berlin
Bei der Carta Caritatis der Zisterzienser handelt es sich um den ersten Verfassungstext Europas, sie regelt das Zusammenspiel zwischen wirtschaftlich selbständigen Klöstern und verbindlichen Verhaltensregeln für den ganzen Orden. Leitendes Prinzip ist die Liebe, so heißt es:
„… In unseren Handlungen soll keine Uneinigkeit herrschen; vielmehr wollen wir in der einen Liebe, unter der einen Regel [gemeint: Benediktsregel] und nach den gleichen Bräuchen leben“!
Das Mutterkloster trägt die Verantwortung für das Tochterkloster und ein wesentliches Instrument dafür bildete die Visitation. Außerdem war der Abt des Mutterklosters bei der Abtwahl im Tochterkloster zugegen. Der Abt des Mutterklosters soll das Tochterkloster einmal im Jahr visitieren, in späterer Zeit konnte diese Aufgabe wegen der langen Wege und der Fülle der Aufgaben auch delegiert werden.
Ziel ist es, eine gemeinsame Lebensweise zu garantieren. Im Generalkapitel, der Versammlung der Äbte einmal jährlich in Clairvaux, werden die nötigen Entscheidungen getroffen, die der ordensweiten Einheit dienen sollen.
War das Instrument der Visitation funktionsfähig?
Für die Visitation gab es wichtige Verhaltensmaßregeln, die forma visitationis:
„Der Abt hüte sich davor, das in irgendeiner Weise zu behindern oder unwillig zu sein, wenn es geschehen ist. Er hüte sich auch davor, sich in Gegenwart des Visitators oder nach dessen Abreise an einem der Brüder irgendwie zu rächen, Vorwürfe zu machen oder verärgert zu sein. Im Gegenteil: Sogar wenn jemand zu unüberlegt oder zu unbesonnen gesprochen haben sollte, übe er mit wohlwollender Gefügigkeit Nachsicht gemäß dem Rat des Visitators.[…]
Sollte ein Visitator gegen diese Rahmenordnung handeln, so werde er durch den Vaterabt oder andere Mitäbte in Schranken gewiesen, wie er es verdient hat, oder auch vom Generalkapitel bestraft.“
Zahlreiche Problemkreise tauchen in den Visitationsberichten auf:
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- Personelle Probleme
- Finanzielle Probleme
- Disziplinarische Probleme
- Spirituelle Probleme
- Organisatorische Probleme
- Bauliche und praktische Probleme
- Konflikte mit der Außenwelt
- Widerstand gegen die Visitation
Der Bericht ging an das Kloster und wurde den Mönchen mehrfach im Jahr vorgelesen, denn die Missstände sollten behoben werden. Es ist erstaunlich, dass außer aus englischen Klöstern nur wenige Visitationsberichte erhalten geblieben sind. Wurden sie vielleicht nach einem Jahr vernichtet, weil sie als erledigt galten? Hingegen gibt es einige Belege für Konflikte, die angesichts von Visitationen entstanden und Eingang in die Beschlüsse des Generalkapitels fanden. Auch über Widerstand gegen Visitatoren wird berichtet:
„Die Priorin von Moncé, die von den Äbten und Mönchen mehrfach ermahnt worden ist, dem Orden Gehorsam zu leisten, da sie ja sie seit Beginn des Ordens in Klausur lebte und keinen Hirtenstab führte, hat die Visitatoren mit Waffengewalt zurückgewiesen und sich bis jetzt als rebellisch gegenüber dem Orden erwiesen. Sie wird mit sofortiger Wirkung abgesetzt.“
Das Prinzip der Filiation mit dem Instrument der Visitation hat aufgrund der entstehenden Netzwerkstruktur als äußerst erfolgreich erwiesen, es sicherte bei großer Selbständigkeit der Klöster die Einheit des Ordens