Kloster Doberan – zwei neue Predigten des Heiligen Augustinus in Pelplin entdeckt
Paul Alexander Nebauer
Eine der schwierigsten Aufgaben des Klostervereins Doberan ist die Suche nach mittelalterlichen Handschriften der Doberaner Zisterzienser. Von der einst bedeutenden Klosterbibliothek sind in Bad Doberan heute keine Bestände mehr erhalten. Im Mutterkloster Amelungsborn verbrannte die Klosterbibliothek im Dreißigjährigen Krieg vollständig. In Kamp ging sie infolge der Säkularisation unter napoleonischer Herrschaft verloren; die verbliebenen Reste wurden im 19. Jahrhundert von einem Duisburger Antiquar verstreut.
Bislang sind uns nur wenige Handschriften Doberaner Herkunft bekannt. Ein Doberaner Codex wird in der Staatsbibliothek Berlin – Preußischer Kulturbesitz, mit dem Titel „Vitae sanctorum“ unter Ms. theol. lat. Fol. 482 aufbewahrt. Im Schweriner Landeshauptarchiv ist ein Diplomatarium mit Urkundenabschriften aus den Jahren 1218 bis 1365 mit dem Titel „Privilegia des Dobberanischen Hofes“ unter LHAS, 1.5-4/4 Urkunden Kloster Doberan, Sign. 0 einzusehen.
In den Jahren 2024 und 2025 standen uns in der Diözesanbibliothek in Pelplin, der „Biblioteka Diecezjalna im. Biskupa Jana Bernarda Szlagi w Pelplinie“, die Türen offen. Wir bedanken uns noch einmal bei Pater Christopher Koch und seinem Team für die herzliche Aufnahme. Sechs Codices sind eindeutig Doberaner Provenienz – erkennbar an den Besitzeinträgen. Weitere sechs Handschriften stammen mit hoher Wahrscheinlichkeit aus dem Kloster Doberan. Nach einer ersten Sichtung der über 3000 Seiten richtete sich mein besonderes Interesse auf die Handschrift Ms 114/195. Das knappe Inhaltsverzeichnis ließ zunächst kaum Rückschlüsse auf den Inhalt zu. Erst die Stichworte Phytonissa und Resuscitatio Samuelis lenkten meinen Blick auf die biblische Erzählung von der Hexe von Endor (1 Sam 28). Dieses Thema erschien mir besonders interessant, sodass ich mich für eine eingehendere Untersuchung der Predigten entschied. Da ich kein Altphilologe bin und meine Kenntnisse des mittelalterlichen Lateins begrenzt sind, bat ich im Zentrum für Augustinus-Forschung um Hilfe bei der inhaltlichen Aufarbeitung. Die zunächst verständliche Skepsis bei der Zuordnung war sicherlich berechtigt. Zwanzig Latinisten, die im Herbst 2025 zu einer Fachtagung nach Wien eingeladen wurden, sollten die Echtheit überprüfen. Sprache, Wortlaut, Stil und Rhetorik kamen auf den Prüfstand und wurden mit vielen der etwa 600 bekannten originalen Augustinus-Predigten verglichen.
Im Mai 2026 bestätigten schließlich Prof. Christian Tornau (Würzburg), Prof. Dorothea Weber und Dr. Clemens Weidner (beide Wien), dass es sich tatsächlich um zwei bislang unbekannte Predigten des heiligen Augustinus handelt. Damit bestätigte sich eine Vermutung, die ich bis dahin selbst kaum zu glauben gewagt hatte. Zwei neue Predigten des heiligen Augustinus von Hippo (354-430) waren entdeckt und werden noch 2026 vom Editionsunternehmen CSEL (Corpus Scriptorum Ecclesiasticorum Latinorum) ediert.
Der Heilige Augustinus war in den Jahren 395 bis 430 Bischof von Hippo Regius, im heutigen Annaba in Algerien, und arbeitete davor in Karthago, Rom und Mailand. Neben den drei weiteren abendländischen (lateinischen) Kirchenvätern Ambrosius, Hieronymus und Gregor gilt Augustinus wohl als der bedeutendste Kirchenlehrer der Westkirche. Seine Schriften sind bis heute eine wichtige theologische Quelle. Sein theologisches Denken und seine Philosophie prägten die Patristik nachhaltig und halfen frühchristliche Irrlehren zu widerlegen und die Bibel tiefer zu verstehen.
Das Thema der beiden entdeckten Predigten ist weithin bekannt und wurde in zahlreichen Kunstgattungen verarbeitet. Es findet sich als spannende Erzählung bei Rudolf Presber in seinem bekannten historischen und biblischen Roman „Die Hexe von Endor“ (1932) wieder. In Georg Friedrich Händels Oratorium von 1738 bildet die Erscheinung Samuels den dramatischen Höhepunkt. Der deutsche Komponist und Musikwissenschaftler Wolfgang Rihm komponierte 2021 seine Solokantate „Gebet der Hexe von Endor“ nach einem Text von Botho Strauß. Die Liste der Bearbeitungen zu diesem Thema ist lang. Selbst in der modernen Populärkultur finden sich Anklänge an dieses Motiv, etwa in der Figur der Star-Wars-Hexe Charal aus dem Ewok-Universum. Von vielen großen Meistern der Malerei wurde diese Erzählung in Szene gesetzt. Das berühmte Barockgemälde „Saul und die Hexe von Endor“ (1668) von Salvator Rosa befindet sich heute im Musée du Louvre in Paris. Ein Gemälde mit dem gleichen Titel von William Sidney Mount aus dem Jahr 1828 wird heute im Smithsonian American Art Museum in Washington ausgestellt. Auch die sehr bekannte und reich illustrierte Doré-Bibel von 1866 zeigt die dramatische biblische Totenbeschwörung. In dieser Darstellung ist zu sehen, wie König Saul vor Angst zusammenbricht, während die Hexe den Geist des Propheten Samuel beschwört.
Herr Prof. Christian Tornau vom Zentrum für Augustinus-Forschung an der Julius-Maximilians-Universität in Würzburg fasst zu diesen beiden Predigten zusammen: „Die erste wurde im Sonntagsgottesdienst gehalten und endet mit der Theodizee-Frage und den Auslegungen. Erst die zweite Predigt am darauffolgenden Mittwoch wog die Optionen ab. Das Kirchenpublikum erhielt also eine gewisse Freiheit, sich eigene Gedanken zur Bibelstelle zu machen. […] Typisch Augustinus – Auslegungsoptionen darlegen, ein finales Urteil auslassen und das Publikum selbst nachdenken lassen.“
Mit der Identifizierung dieser beiden bislang unbekannten Augustinus-Predigten erhält die mittelalterliche Bibliothek des Klosters Doberan wieder internationale wissenschaftliche Aufmerksamkeit. Zugleich zeigt der Fund, welches Forschungspotenzial die überlieferten Handschriften Doberaner Provenienz noch immer besitzen.
p.a.nebauer@t-online.de
Juli 2026