von Almuth Schubert

Eine meiner ersten Erinnerungen ist die an ein Feld voller Königskerzen, angebaut von meinem Großvater hinter unserem Garten. Mit Beginn der Blüte im Juni kamen kurz nach Sonnenaufgang 10 oder 12 Frauen aus dem Dorf, angetan mit großen Schürzen. Dort hinein pflückten sie die aufgehenden Blüten bis in den Vormittag und das über einen Zeitraum von mehreren Wochen. Die Blüten wurden dann getrocknet und für pharmazeutische Zwecke verwendet.
Dafür besonders geeignet ist die „Großblütige Königskerze“ (Verbascum densiflorum), die Wuchshöhen bis zu 3 m erreichen kann. Sie wächst im breiten Mittelbeet im Doberaner Klostergarten in direkter Nachbarschaft der „Dunklen Königskerze“ (Verbascum nigrum). Beide gehören zur Familie der Braunwurzgewächse (Scrophulariaceae). Die Gattung umfasst etwa 300 Arten, die in Eurasien beheimatet sind.
Andere deutsche Namen sind Fackelkraut – weil die trockenen Stengel in Pech oder Talg getaucht als Fackel dienten – und Wollblume wegen der dicht behaarten weichen Blätter.

Diese Behaarung deutet schon auf den bevorzugten Standort der Pflanzen hin – die Königskerze liebt vollsonnige, heiße Stellen und trockene, durchlässige und eher nährstoffarme Böden. Die tiefe Pfahlwurzel reicht bis zu 80 cm in die Erde und gibt der hohen Pflanze Standfestigkeit, während die behaarten Blätter vor Verdunstung schützen.
Nach der Keimung erscheint im ersten Jahr eine große Blattrosette, aus deren Mitte im zweiten Jahr der hohe Blütenstengel wächst. Die hellgelben Blüten (andere Verbascumarten können auch mit weißen, rosa, violetten oder purpurnen Kronblättern aufwarten) gehören zu den besten Pollenspendern, erscheinen nacheinander über einen längeren Zeitraum und werden gern von Hummeln, Bienen und Schmetterlingen besucht. Der meiste Pollen wird bis in die Vormittagsstunden gebildet, daher sollte bis dahin auch die Blütenernte beendet sein.

Die prächtige Raupe des Königskerzenmönchs, eines Eulenfalters, ernährt sich fast ausschließlich von Königskerzenarten und ist in diesem Jahr auch an „unseren“ Pflanzen zu beobachten. Im Winter freuen sich Vögel wie z.B. Finken über die stehengelassenen Samenstände.

Die Eignung der großblütigen Königskerze als Heilpflanze ist schon lange bekannt. Abbildungen gibt es bereits im „Wiener Dioskurides“, einem pharmakologischen Handbuch aus dem 6. Jhd. Hippokrates empfiehlt die Pflanze für Wundbehandlungen, nach Aristoteles erleichtern die auf das Wasser gestreuten Samen den Fischfang, da die darin enthaltenen Sanopine die Fische betäuben. Hildegard von Bingen erwähnt die „wullena“ als Mittel gegen ein „traurig Herz“.
Zu Mariä Himmelfahrt am 15. August wurden (und werden) in katholischen Gegenden „Kräuterbuschen“ gebunden, die je nach Region aus 7, 9, 12 oder 24 Kräutern wie z.B. Schafgarbe, Arnika, Johanniskraut und Baldrian bestehen. Die Mitte des Straußes bildet traditionell eine Königskerze. Vom Pfarrer geweiht und in Haus und Stall aufgehängt, sollte er vor Blitzschlag und Unglück schützen. So gilt die Königskerze auch als Marienpflanze und ist im Klostergarten daher auch im Marienbeet zu finden.
Heute werden die an einem warmen, dunklen und luftigen Ort getrockneten Blüten – ohne den grünen Kelch – als Tee bei Erkältungskrankheiten und Atemwegsbeschwerden eingesetzt, da sie eine schleimlösende und reizlindernde Wirkung haben. Der Tee wird mit kaltem oder lauwarmem Wasser zubereitet, um keine wertvollen Inhaltsstoffe zu zerstören. Nach einer Ziehzeit von etwa einer Stunde sollte die Flüssigkeit abgeseiht werden, um die wolligen Härchen zurückzuhalten.
Da die wild wachsenden Pflanzen bei uns unter Naturschutz stehen, dürfen die Blüten nur im Garten geerntet werden. Sie sind auch eine essbare Dekoration für Salate und Desserts, lassen sich zur Zubereitung eines Sirups verwenden und geben als natürliches Färbemittel Stoffen und Wolle eine gelbe Tönung.